Cadillac: Die Firmengeschichte von 1942 bis 1962
Die Ära der Heckflossen
Seit dem 1. September 1939 sprachen
auf dem europäischen Kontinent die Waffen. Japan hatte bereits am 7. Juli
1937 mit dem zweiten Krieg gegen China den großen Krieg in Asien begonnen,
bevor die kaiserliche Marine am 7. Dezember 1941 den amerikanischen
Flottenstützpunkt in Pearl Harbour überfiel, fünf Schlachtschiffe
versenkte, neun weitere US-Kampfschiffe beschädigte, über 300
Flugzeuge zerstörte oder außer Gefecht setzte, 2.403 Amerikaner
tötete und damit den Zweiten Weltkrieg auch im Pazifik entfachte. Der
daraus resultierende Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg
strukturierte die gesamte Fahrzeugproduktion des Landes um.
Die
Herstellung ziviler Fahrzeuge kam ab 1942 auch bei Cadillac zum Erliegen. Auf
den Montagebändern entstanden keine luxuriösen Automobile mehr,
sondern unter anderem Motoren für Panzer oder ab 1944 der Panzer „M24
Chaffee“ mit zwei V8-Motoren von Cadillac, der als erster moderner
leichter Panzer der Welt gilt, weil er sich auch per Flugzeug transportieren
ließ und bei einigen kleineren Armeen noch bis heue im Einsatz
ist.
Mit dem Euphemismus „Die Kriegslage hat sich nicht unbedingt
zu Japans Vorteil verändert“, stimmte der japanische Kaiser Hirohito
(1901 – 1989) am 15. August 1945 seine Landsleute auf die totale
Niederlage Japans und den Rest der Welt auf das endgültige Ende des Kriegs
ein. Amerikas Autohersteller konnten sich wieder auf die Bedürfnisse einer
zivilen Gesellschaft zuwenden, die einen enormen Nachholbedarf entwickelt hatte,
nachdem praktisch vier Jahre lang die Herstellung von Automobilen ausgesetzt
gewesen war.
In den Jahren nach dem Krieg und in den Fünfzigern
prägte das Design der Modelle von Cadillac nicht nur die Gestaltung ganzer
Generationen von Automobilen. Mit den Formen der Cadillacs verband sich auch ein
komplettes Lebensgefühl. Cadillacs prägten das Image der gesamten
amerikanischen Nation, den „American way of life“ im Rest der Welt
wie sonst nur Coca Cola, die Wolkenkratzer und Westernfilme. Jeder Cadillac aus
dieser Epoche war gleichzeitig eine Stilikone.
Bei Cadillac begannen die
Bänder für die zivile Produktion ab Mai 1946 zu laufen. Freilich hatte
nicht nur die Produktion für rund vier Jahre ausgesetzt, auch bei der
Entwicklung der Autos hatte es keine weiteren Entwicklungsschritte gegeben. Die
beiden ersten Nachkriegsmodelljahre brachten somit formal und technisch nichts
Neues. Die Fahrzeuge entsprachen den Modellen, die Cadillac bis 1942 gefertigt
hatte. Das Einstiegsmodell, der Series 60 entspricht optisch dem „Modell
B“ von General Motors. Die gleiche Karosserie produzierte Oldsmobile als
Modell „70“, Buick als Modell „40“ und Pontiac als die
Modelle „26“, sowie „28“. Alle Modelle von Cadillac
erhielten 1946 und 1947 den bekannten V8, der unverändert 150 PS bei
3.400/min leistete.
Zum Modelljahr 1948 stellte Cadillac wieder etwas
vollkommen Neues vor. Harley Earl und sein Designteam hatten einmal mehr eine
vollkommen neue Designsprache entwickelt. Die Limousinen lösten sich
komplett von den chrom- und zierbewehrten Linien der Vorkriegsära und
erhielten eine moderne Pontonform. Aus dem Heck, den Abschlüssen der
hinteren Kotflügel, sprießten erstmals zwei markante Elemente, die
bis in die Sechziger hinein die Optik aller Autos weltweit prägen sollte,
die Heckflosse. Die Inspiration für die Heckflosse resultierte aus dem
doppelten Leitwerk der Lockheed P38 „Lightning“. Das Flugzeug mit
dem doppelten Rumpf war der bekannteste amerikanische Langstreckenjäger des
Zweiten Weltkriegs und das erfolgreichste Jagdflugzeug auf dem pazifischen
Kriegsschauplatz.
Unter der Haube sorgte vorerst der Vorkriegs V8 mit 5,7
Litern Hubraum und 150 PS für Vortrieb. Zum Modelljahr 1949
präsentierte Cadillac einen neuen Motor. Der Hubraum reduzierte sich
geringfügig auf 5,4 Liter, die Leistung stieg dabei auf 160 PS. Konstruktiv
zeichnete sich der Motor durch hängende Ventile aus. Als Option bietet
Cadillac bei der Kraftübertragung ein automatisches Getriebe (Hydra-Matic
Drive) an. Der Cadillac Series 61 behielt seine Rolle als Einstiegsmodell bis
1951. Trotz des Krieges entstanden von der Reihe zwischen 1941 und 1951 genau
108.737 Einheiten. Am 25. November 1949 lief der 1.000.000ste Cadillac vom
Band.
Der Cadillac Series 62, der noch vor dem Krieg die Rolle des
Einstiegsmodells der Marke übernommen hatte, ergänzte nach dem Krieg
die Modellpalette als besser ausgestattete Variante des Series 61. Als
Karosserievarianten standen Limousine, Coupé und Cabriolet zur Auswahl.
Der Series 62 bildete fortan das Rückgrat der Cadillac-Fertigung. Bereits
1946 entstanden 2.322 Coupés, 14.901 Limousinen und 1.342 Cabrios. 1947
stieg die Produktion des Series 62 bereits um mehr als 100 Prozent. Die
Modellreihe lebte bis 1964 und brachte es auf eine Gesamtauflage von knapp 1,39
Millionen Autos.
Nach oben rundete ab 1946 der Series 75 das Angebot von
Cadillac ab. Er war ausschließlich als Limousine mit fünf bis neuen
Sitzplätzen und einer Karosserie von Fleetwood verfügbar. Das Chassis
war zudem für kommerzielle Zwecke wie Ambulanzen oder Leichenwagen mit
einem längeren Radstand im Programm. Die Ausnahmestellung des Cadillac
Series 75 schlug sich in Produktionszahlen und Preisen nieder. 1946 entstanden
613 Limousinen und 1.292 Fahrgestelle. Die Preisliste für einen Cadillac
Series 75 begann 1946 bei 4.153 Dollar. Auch in den folgenden Jahren bewegten
sich die Produktionszahlen des Series 75 in einem unteren vierstelligen
Bereich.
Zum Modelljahr 1950 wurde die Karosserie der Cadillac-Baureihen
gestreckter, der Grill wuchtiger und die Windschutzscheibe einteilig und
gekrümmt. Das preiswerteste Modell war der Series 61 Sedan für 3.224
Dollar. Der Series 75 Fleetwood erhielt eine neue Karosserie im Stil der anderen
Modelle. Das Chassis für kommerzielle Fahrzeuge mit 3,99 Meter Radstand
blieb weiterhin im Angebot. 1950 produzierte Cadillac insgesamt 110.535
Fahrzeuge und rangierte damit an 15. Stelle unter den amerikanischen
Autobauern.
1952 feierte Cadillac den 50. Geburtstag und stattete im
Jubiläumsjahr alle Fahrzeuge mit einem vergoldeten V auf der Motorhaube
über dem Kühler aus. Die Zweigang-Hydra-Matic gehörte zum
Serienstandard und die Leistung des 5,4-Liters stieg auf 190 PS. Damit lieferte
Cadillac die leistungsstärkten Fahrzeuge auf dem amerikanischen Markt. Im
Jubiläumsjahr feierte Cadillac die Produktion des 1.300.000sten Fahrzeugs.
Die Gesamtproduktion ging auf 98.844 Einheiten zurück, denn das Unternehmen
hatte wieder die Produktion von Panzern (T41E1 Walker-Bulldog) und
Raupenschlepper aufgenommen, nachdem die Vereinigten Staaten in den Koreakrieg
eingetreten waren. 1953 feierte die Klimaanlage ihre Premiere bei Cadillac.
Innerhalb der nächsten zehn Jahre stieg der Anteil der Klimaanlagen bei
Cadillac auf 59 Prozent.
1954 standen die Bänder bei Cadillac
für 25 Tage still, um den Maschinenparkt komplett zu erneuern. Die
Stylingabteilung hatte das Karosseriedesign komplett überarbeitet und
modernisiert. Den Stoßfängern erwuchsen mächtige Hörner,
die beim Heck die Auspuffrohre integrierten. Die Leitung des 5,4-Liter-V8 stieg
auf 230 PS bei 4.400/min an. Im folgenden Jahr entwickelte das Triebwerk im
„Eldorado“ 270 PS bei 4.800/min. Der Series 62 umfasste sechs
verschiedene Modelle, die Preise begannen bei 3.977 Dollar. Für einen
Series 75 waren mindestens 6.187 Dollar fällig. Die Modelle für den
Export verschiffte Cadillac in Einzelteilen, die vor Ort wieder zu kompletten
Fahrzeugen montiert wurden. Nach dem Ende des Koreakriegs verzeichnete die
US-Wirtschaft ein starkes Wachstum. Auch in den immer noch vom Zweiten Weltkrieg
gezeichneten Regionen Europas und Asiens entwickelte sich ein robustes
Wirtschaftswachstum. Dies spiegelte sich besonders in den Produktionszahlen des
Premiumanbieters Cadillac wieder, der 1955 genau 153.334 neue Fahrzeuge auf die
Straße brachte.
Scheinbar grenzenloses Wachstum kennzeichnete die
Modellpolitik in der zweiten Hälfte der Fünfziger. 1957 kam ein
kompletter Modellwechsel mit neuen Formen und neuer Technik. Ein x-förmiger
Rohrrahmen verbesserte die Verwindungssteifigkeit spürbar. Die Heckflossen
und der Chromschmuck fielen deutlich extrovertierter aus. Die Motorleistung
wuchs auf 285, im Eldorado auf 300 PS. Den in einem Automobil darstellbaren
Luxus verkörperte der in limitierter Auflage von 400 Exemplaren angebotene
„Eldorado Braugham“, ein viertüriger „Hardtop
Sedan“ ohne B-Säule mit hinten angeschlagenen Fondtüren. Die
Ausstattungsliste las sich wie ein Märchen der Automobiltechnik: Zwei
Vierfachvergaser, pneumatische Federung, hydraulische Sitzverstellung mit
Memory-Funktion, automatische Entriegelung des Kofferraums, Tempomat
„Cruise-Control“, elektrische Türentriegelung, polarisierte
Sonnenblende, elektrisch ausfahrbare Antenne, automatisch lösende
Handbremse, Zigarettenspender, Schminkfach mit Puderquaste, Spiegel,
Parfümzerstäuber (gefüllt mit „Arpége“ von
Lanvin), Kölnisch Wasser und Lippenstift, elektrische Fensterheber,
Räder aus Leichtmetall und Klimaanlage. Die dafür fällige
Kaufsumme von 13.074 Dollar hätte auch ein halbes Dutzend bürgerliche
Limousinen bei Chevrolet erlöst. Für den Series 75 Sedan des gleichen
Jahrgangs berechnete Cadillac einem Kunden 7.348 Dollar. Mit dem Eldorado
Braugham unterstrich Cadillac jedoch nicht nur seine führende Stellung bei
der Produktion von Luxusautos, sondern einmal mehr seine Vorreiterrolle bei der
Technik. Sowohl die automatische Geschwindigkeitskontrolle „Cruise
Control“ wie die elektrische Verstellung der Sitzfläche vertikal wie
horizontal stellten Weltneuheiten dar.
Mit jedem neuen Modelljahr kam es
nun zu einem Modellwechsel. Die 58er-Modlle zeichneten sich durch
Doppelscheinwerfer aus. 1959 schließlich erreichen die Karosserieformen
ein Maß an Üppigkeit und Avantgarde, mit der es weltweit keine
weitere Automarke aufnehmen konnte. Die Heckflossen erreichten mit 1,22 Metern
ihre größten Ausmaße mit jeweils zwei konischen
Rücklichtern. Durch ihre gestreckte Seitenlinie wirkten die Modelle noch
endloser als es die 5.715 Millimeter beim Series 6200, die den 62 ablösten,
in Wirklichkeit ausdrückten. Der Hubraum wuchs auf 6,4 Liter, aus der sich
je nach Ausführung 325, beziehungsweise 345 PS entwickelt
ließen.
Das Bild des Jahrgangs prägten jedoch entscheidend die
beiden Varianten der Series 6400 „Eldorado“ als Coupé und
Cabriolet. Der Eldorado war von außen an der durchgehenden Chromlinie zu
erkennen, die von der A-Säule bis zur Spitze der Heckflossen reichte. Die
Luxusausstattung der beiden „Eldorado“ ließ keine wünsch
offen. Obwohl die beiden Eldorados nur eine Auflage von 2.295 Exemplaren
erreichten überstrahlten sie die gesamte Jahresproduktion von 138.527
Fahrzeugen und zählen heute zu den gefragtesten Oldtimern in der langen
Reihe historischer Cadillacs.
Zu Beginn des neuen Jahrzehnts fand das
Design bei Cadillac zurück zu einer ausgeprägteren Sachlichkeit. Die
schlug sich vor allem in weniger steil stehenden Heckflossen nieder. Das
Modellprogramm umfasste insgesamt 13 verschiedene Modell und Modellvarianten,
die sich auf dem x-förmigen Kastenrahmen aufbauen ließen. Der
6,4-Liter V8 leistete je nach Modellvariante zwischen 309 und 350 PS. Die
Kraftübertragung übernahm eine Viergang-Automatik. Bei Pininfarina,
dem italienischen Karosseriespezialisten entstand eine Sonderserie von 200
Exemplaren des Eldorado Braugham, der einmal mehr zum teuersten amerikanischen
Serienauto wurde. Ab dem Modelljahr 1962 hatten die extravaganten Formen bei
Cadillac den Zenit ihre Größe und Extravaganz
überschritten.
Die Ausführungen „Park Avenue“ und
„Town Sedan“ schrumpften von 5,63 auf 5,42 Meter Länge. Die
Eldorado-Modelle entfielen aus dem Programm und mit ihnen die extravagante und
technisch problematisch zu beherrschende Luftfederung. Dafür hielt neue
Technik Einzug. Beispielsweise automatische Kurvenlampen und ein Bremssystem mit
zwei unabhängigen Kreisläufen für die
Bremsflüssigkeit.